Esitelmä saksalais-pohjoismaisessa kirkkokonventissa 1.9.07

 

Die Gabe des Lebens - die Existenz des Menschen - der Auftrag unserer Kirchen

Vortrag im Nordisch Deutschen Kirchenkonvent

Tallinn, 1.9.2007

Sammeli Juntunen,

Pastor, Gemeinde Savonlinna-Sääminki, Finnland

 

Der Einladungsbrief der Konferenz

Der Einladungsbrief dieser Konferenz beschreibt das Thema dieses Vortrags wie folgt:

 

"Die Gabe des Lebens - die Existenz des Menschen - der Auftrag unserer Kirchen. Das Leben ist eine Gabe Gottes. Die Gottebenbildlichkeit kommt allen Menschen zu. Darin Gründen das christliche Menschenbild und der Auftrag, zum gelingenden Zusammenleben aller Menschen beizutragen."

 

In einer kurzen Einleitung ist es natürlich nicht möglich, Alles zu sagen, was zu einem Thema gehört. Trotzdem möchte ich behaupten, dass es mangelhaft ist, das christliche Menschenbild so zu beschreiben, wie es in dem Einladungsbrief getan worden ist. Die Bibel und die theologische Tradition der Kirche machen deutlich, dass von der allgemeinen Gottebenbildlichkeit der Menschheit nach dem Sündenfall nicht viel übrig geblieben ist.

 

Die allgemeine Gottebenbildlichkeit in der biblischen Erzählung

Das kann man in den ersten elf Kapiteln der biblischen Erzählung sehen.  Sie beginnt mit einer allgemeinen theologischen Beschreibung der Existenz der Welt und des Menschen. Zu diesen gehört sicherlich, dass das Leben eine Gabe Gottes ist und dass die Gottebenbildlichkeit allen Menschen zukommt.  Es ist jedoch wichtig zu sehen, dass der Anfang der biblischen Erzählung auch eine Beschreibung der immer grösser werdenden Sünde ist.

Am Ende der biblischen Anfangserzählung frustriert auch Gott selbst mit den allgemeinen theologischen Elementen der Menschheit. Er straft die theologische Hochmütigkeit der Menschheit mit der Vermischung der Sprachen in Babel.

 


Damit endet die biblische Urgeschichte. In den früheren Stellen der Erzählung hat Gott immer nach der Verbreitung der Sünde eine Gegenwirkung gegen ihre Macht getan. Aber nach der Erzählung über den Turm in Babel kommt keine solche allgemeine theologische Hilfe von Gott für die Menschheit. Dem bekannten deutschen Alttestamentler Gerhard von Rad zufolge endet die Urgeschichte in einer sehr dunklen Weise. Das bedeutet, dass auch die biblische Betrachtung der allgemeinen Gottebenbildlichkeit der Menschen in einer sehr düsteren Weise endet.

 

Danach kommen die Abraham -Erzählungen, wie ein neuer Anfang. Dass Gott sich in der allgemeinen Menschheit und dem, was ihr theologisch zukommt, fast völlig getäuscht hat, bedeutet nicht, dass er uns Menschen verlassen hätte. Er fängt an mit einer neuen theologischen Wirkung in der Schöpfung. Diese Wirkung unterscheidet sich von der früheren göttlichen Wirkung in dem, dass sie nicht allgemein, sondern höchst partikulär ist. Gott wählt einen Menschen, Abraham, und beginnt mit ihm und mit seiner Nachkommenschaft eine partikuläre Heilsgeschichte. Diese Heilsgeschichte kulminiert in einer sehr partikulären Weise, in der Geburt, dem Leben, dem Sterben und der Auferweckung von Jesus von Nazareth. Durch diese einzelne göttlich-menschliche Person beginnt das göttliche Heil sich wieder in die Menschheit zu verbreiten. Diese Verbreitung des Heils geschiecht jedoch nicht durch eine normale biologische Geburt des Menschen von seinen Eltern, sondern durch die Taufe und den Glauben an Jesus. Dadurch wird die allgemeine Gottebenbildlichkeit des Menschengeschlechts allmählich in den Nachfolgern von Jesus erneuert.

 

Deshalb ist es nicht korrekt zu sagen, dass der Auftrag der Kirche, zum gelingenden Zusammenleben aller Menschen beizutragen, in der allgemeinen Gottebenbildlichkeit der Menschen gründen würde. Nach der biblischen Erzählung ist ein solcher Auftrag zu gross für Gott selbst. Nach Gen 1-11 hat er versucht, diesen Auftrag zu erfüllen, aber das ist ihm nicht gelungen. Deshalb hat er eine Heilsweise gewählt, die viel mehr partikularistisch ist, weil sie in einem partikulären Heiland gründet.

 

Die Gottebenbildlichkeit in der theologischen Tradition


Auch in der theologischen Tradition der Kirche ist das oben Gesagte deutlich zu bemerken. In der Scholastik des Mittelalters wurde gelehrt, dass die Gottebenbildlichkeit des Menschen zwei Aspekte hat: imago dei und similitudo dei. Durch den Sündenfall hat der Mensch die similitudo dei verloren, die imago dei ist zwar teilweise in ihm geblieben. Aber weil die similitudo dei verloren wurde, ist die Menschheit nicht mehr im praktischen und aktuellen Sinne ein Ebenbild Gottes. Die bleibende imago dei bedeutet, dass der Mensch auch nach dem Sündenfall Vernunft und Willen hat.  Durch die göttliche Gnade Christi, das Wort Gottes und die Sakramente können diese geschaffenen und natürlichen Elemente des Menschen zu einer aktuellen Gotteserkenntnis im Glauben und in der Liebe wachsen. Erst in diesem Prozess in der Kirche wird ein Mensch ein Ebenbild Gottes im aktuellen Sinne.

 

Die Reformatoren fürchteten, dass die Scholastik zu viel Zutrauen auf die allgemeine Gottebenbildlichkeit und in die theologischen Möglichkeiten des natürlichen Menschen gesetzt hatte. Ihnen zufolge ist alles durch den Sündenfall verloren, wenn es um unsere Beziehung zu Gott geht. Dieses düsteres Menschenbild ist z.B. zu sehen im zweiten Artikel des Augsburger Bekenntnisses:

 

"Weiter wird bei uns gelehrt, daß nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, daß sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können, ferner daß auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist und daher alle die unter den ewigen Gotteszorn verdammt, die nicht durch die Taufe und den Heiligen Geist wieder neu geboren werden."

 

Wenn das oben Gesagte wahr ist, wird es noch deutlicher, warum der Auftrag unserer Kirchen im Fördern des gelingenden Zusammenlebens von Menschen nicht in der allgemeinen Gottebenbildlichkeit gründen kann. Wir Menschen brauchen viel mehr als sie geben kann. Wir brauchen Christus, die Taufe und den Glauben an ihn, um durch seinen Geist erneuert zu werden. Die Aufgabe der Kirchen in dieser Frage gründet sich also darin, dass Gott das Heil der Menschen durch das Evangelium von Jesus verwirklicht. Wie Paulus schreibt:

 

"Den verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, damit wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen. Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in der Kraft dessen, der in mir kräftig wirkt." (Kol 1:28-29)

 


Zu viel Zutrauen auf die allgemeine Gottebenbildlichkeit in der finnischen kirchlichen Diskussion

Ich habe meinen Vortrag nicht deshalb in dieser Weise angefangen, um den Einladungsbrief der Konferenz wegen einer mangelhaften theologischen Anthropologie zu kritisieren; es ist doch völlig klar, dass man nicht alles in einer sehr kurzen Einleitung zum Thema sagen kann.

 

Ich bin jedoch der Meinung, dass im heutigen Luthertum, mindestens in Finnland, die Gefahr einer theologischen Anthropologie besteht, die zu viel Zutrauen auf die allgemeinen und natürlichen religiösen Fähigkeiten der Menschen setzt. Dies ist z.B. in vielen Texten zu sehen,  in denen der Auftrag der Finnischen lutherischen Volkskirche und ihre Strategie behandelt werden. Ein Beispiel dafür ist, welch ein grosser theologischer Wert der allgemeinmenschlichen  "Spiritualität" heutzutage beigemessen wird.

 

"Spiritualität" / "Geistlichkeit" als allgemeinmenschliches Bedürfnis?

Die folgenden Zitate stammen aus drei verschiedenen Artikeln in einer Artikelsammlung "Der urbane Glaube", die von dem Forschungs-Zentrum der finnischen lutherischen Kirche im Jahre 2006 publiziert wurde. Das Thema des Buches ist, wie die circa 20-30 jährigen jungen Erwachsenen im Stadteil Kallio in Helsinki ihre Beziehung zum christlichen Glauben und zur Gemeinde verstehen und was die Kirche von ihren Auffassungen für ihre Strategie lernen könnte. Beachten sie, wie die Begriffe  "Spiritualität" und "Geistlichkeit" gebraucht werden. Es geht in ihnen nicht mehr um eine spezielle Wirkung Gottes durch die frohe Botschaft von dem partikulären Heiland, sondern um eine allgemeinmenschliche Religiosität:

 


"In diesem Artikel wird die Spiritualität verstanden, wie in der internationalen religionspädagogischen Hinsicht, als eine allgemeinmenschliche Eigenschaft, die bei allen Menschen vorkommt, unabhängig vom religiösen oder kulturellen Hintergund. In der pädagogischen und psychologischen Hinsicht kann Spiritualität auch als eine Art von Begabung betrachtet werden, in der die Fähigkeit zukommt, Werte und Bedeutungen zu schätzen. Spiritualität kann auch als menschliche Sensibilität erforscht werden und dann werden die schöpferische Fähigkeit und das nicht-lineare Denken betont. " [1]

 

"Das Wichtigste, was die Malerei -Kurse [der lutherischen Gemeinde in Kallio] geben, ist die Möglichkeit zur Entspannung und Ruhe. Es ist auch möglich, Geistlichkeit durch das Malen zu erfahren. Die Geistlichkeit kommt aus den Teilnehmern selbst und sie ist stark emotionell. Das bringt zu Veranstaltungen der Gemeinde auch Menschen, die von der Kirche entfremdet sind und vielleicht ihr eigenes persönliches Weltbild geschaffen haben. Ein Malerei - Kurs kann eine Weise sein, Geistlichkeit als ein allgemeinmenschliches Bedürfnis zu verwirklichen. Die jungen Erwachsenen scheinen sich mehr für Geistlichkeit und Ruhigwerden zu interessieren, als für einen christlichen, in einer fertigen Packung gegebenen Unterricht. ... Die Malerei - Kurse helfen den Leuten sich zu entspannen, Herausforderungen zu treffen und Dinge zu erörtern, die wichtig für sie sind. In dieser Weise verwirklichen die Malerei - Kurse das volkskirchliche Ziel, das ganzheitliche Wohlfühlen der Menschen zu fördern."[2] 

 


"Geistlichkeit ist nicht von den jungen Erwachsenen verschwunden. Auch wenn sie sich allmählich von der Kirche gezielt hat, hat die Kirche noch eine Möglichkeit, an ihrer Pflege und ihrem Wachsen teilzunehmen."[3]

 

Es ist nicht meine Absicht zu kritisieren, dass in Gemeinden Malerei - Kurse gehalten werden oder andere solche Tätigkeitsformen gesucht werden, dass die jungen Erwachsenen ihren Platz in der Kirche finden würden. Beides sind gute Ideen.

 

Es ist jedoch unerträglich, wie in den oben zitierten Texten die allgemeinmenschliche "Spiritualität" oder "Geistlichkeit" ohne Kritik als Stoff verstanden wird, mit dem die Gemeinde arbeiten muss, um relevant für die jungen Erwachsenen des Stadteils Kallio zu sein. In der Bibel und in der theologischen Tradition gibt es nämlich eine starke Linie, der zufolge die Geistlichkeit des natürlichen Menschen kein Stoff für den christlichen Glauben sein kann. Wie Jesus sagt im Johannesevangelium 3:5-7:

 

 "Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was von Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden."

 

Der Gesprächspartner von Jesus, Nikodemus, hat das nicht verstanden, und fragt Jesus: Wie kann dies geschehen? Das Hauptstück der Antwort sind meines Erachtens die Verse 16-18.

 


"Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes."

 

Es ist theologisch sehr falsch, wenn die Kirche ihre Strategie und ihre Aufgabe in Helsinki zu viel von dem her versteht, dass "Geistlichkeit nicht von den jungen Erwachsenen verschwunden ist". Der Bibel und den lutherischen Bekenntnisschriften zufolge ist die echte Spiritualität, die von der Beziehung zum lebendigen Gott her entsteht, völlig von der natürlichen Menschheit verschwunden. Sie ist auch von den jungen Erwachsenen des Stadteils Kallio verschwunden - wenn sie die Spiritualität nicht ständig von ausserhalb ihrer selbst bekommen, vom Wort Gottes, vom Abendmahl, von der Taufe und vom christlichen Tauf-Unterricht. Eine Spiritualität, die "aus den Teilnehmern selbst kommt" und sich als ein "allgemeinmenschliches Bedürfnis verwirklicht", kann nicht echt sein. Dem Menschenbild des Johannes-Evangeliums und der Confessio Augustana zufolge gehört sie zur Kategorie "Fleisch", in dem wir alle von Natur aus existieren;  "von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung", "von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können" ferner so, "daß auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist und daher alle die unter den ewigen Gotteszorn verdammt".

 

Möglichkeiten für eine mehr positive Wertung der allgemeinen Religiosität


Es gibt jedoch in der Bibel und in der Tradition der Kirche Gedankengänge, nach denen das düstere Verständnis der natürlichen Religiosität, das in den lutherischen Bekenntnisschriften und im Johannesevangelium enthalten ist, nicht die einzige Möglichkeit für die Kirche ist. Die natürliche Geistlichkeit und die frohe Botschaft von Jesus müssen nicht umbedingt als völlig gegen einander stehende Realitäten verstanden werden. Das katholische Denken von heute betont fast so stark wie die Lutheraner, dass der natürliche Mensch von sich aus unfähig zum echten Glauben und zur echten Spiritualität ist.[4] Auf der anderen Seite wird die Beziehung zwischen der allgemeinmenschlichen natürlichen Spiritualität und dem christlichen Glauben noch heute in der Katholischen Kirche (wie in der scholastischen Tradition) mit Hilfe des Slogans Gratia non tollit naturam, sed praesupponit et perficit eam verstanden: Die Gnade Gottes nimmt die menschliche Natur nicht weg, sondern setzt sie voraus und macht sie vollkommen.

 

Das bedeutet für unser Thema Folgendes: Weil jeder Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen ist und auch nach der Sünde davon noch ein Teilchen in ihm übrig geblieben ist, hat seine Existenz ein natürliches Verlangen nach Gott. Dieses Verlangen nach Gott zeigt sich z.B. in der menschlichen Religiosität, im philosophischen und wissenschaftlichen Suchen der Wahrheit, in der Sehnsucht nach Schönheit und Rechtlichkeit. Der Mensch ist ein leiblich-geistliches Wesen, das an Gott krankt und deshalb kein Vergnügen ausserhalb von ihm finden kann. Die christliche Botschaft hat deshalb viele Anknüpfungspunkte in der allgemeinen menschlichen Sehnsucht nach dem unbekannten Gott. Die Kirche muss diese Verknüpfungspunkte benutzen, um ihre Botschaft verständlich zu machen; dies kann auf verschiedene Weisen getan verden, die rationell, emotionell solche sein können, die mit der gesellschaftlichen Gerechtigkeit zu tun haben.

 

Ich bin der Meinung, dass die lutherische Kirche ihre traditionelle Kritik gegen die natürliche Religiosität des Menschen nicht vergessen soll - weil sie gute biblische Gründe hat. Auf der anderen Seite sollten wir auch, wie die katolische Theologie, verschiedene Anknüpfungspunkte in der allgemeinen Gottebenbildlichkeit der Menschheit suchen, um die frohe Botschaft von Christus verständlich zu machen. Wir müssen uns jedoch daran erinnern, dass auch die katholische Theologie lehrt, dass die natürliche Religiosität der Menschen - und auch der jungen Erwachsenen in Kallio - sich nicht von sich aus korrekt richten oder Gott finden kann. Sie braucht unbedingt das geistliche Leben vom Evangelium, den Sakramenten und dem christlichen Unterricht. Die christliche Lehre ist kein starrer oder langweiliger "in einer fertigen Packung  gegebener Unterricht", sondern eine lebendige geistliche Wirklichkeit, die die allgemeinmenschliche Religiosität radikal verändert und zu einem neuen Ziel richtet.

 

Das ist z.B. darin zu sehen, wie Paulus das Evangelium im Kolosserbrief als das Wort der Wahrheit beschreibt:

 


"Von ihr [göttliche Hoffnung] habt ihr schon zuvor gehört durch das Wort der Wahrheit, das Evangelium,  das zu euch gekommen ist, wie es auch in aller Welt Frucht bringt und auch bei euch wächst von dem Tag an, da ihr's gehört und die Gnade Gottes erkannt habt in der Wahrheit. So habt ihr's gelernt von Epafras, unserm lieben Mitknecht, der ein treuer Diener Christi für euch ist." (Kol 1:5-7).

 

Das Evangelium hat also einen wörtlichen Inhalt, der gelernt werden kann. Und trotzdem ist es die geistliche Kraft Gottes, die unter den Menschen wächst und ihnen die Erkenntnis der Gnade des lebendigen Gottes bringt;  und damit eine neue Hoffnung. Wenn das wahr ist, warum sollten die jungen Erwachsenen in Kallio sich mit einer allgemeinmenschlichen Geistlichkeit befriedigen und nur Entspannung oder Erörterung ihrer eigenen Dinge aus Malerei-Kursen der lutherischen Volkskirche bekommen?

 

Klug wie die Schlangen, ohne Falsch wie die Tauben = kirchliche Theologie

Ich bin der Meinung, dass die folgenden Worte unseres Herrn zum Thema "Die Gabe des Lebens - die Existenz des Menschen - der Auftrag unserer Kirchen" gehören:

 

 "Siehe, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben" (Matt 10:16).

 

Die Kirche muss klug sein, wenn sie die frohe Botschaft von Jesus mit den allgemeinmenschlichen religiösen Bedürfnissen verknüpft, um ihre Botschaft verständlich und beliebt zu machen. Sie ist nämlich inmitten von Wölfen: inmitten  ihrer eigenen Sündhaftigkeit und inmitten der Menschheit, von deren Gottebenbildlichkeit nicht sehr viel übrig geblieben ist. Deshalb existiert die Kirche immer in der Gefahr, dass sie die Botschaft ihres Herrn verleugnet. Um das zu vermeiden, muss sie ohne Falsch wie die Tauben sein.

 

Aber auch klug wie die Schlange. Die Kirche muss auch Vernunft, glaubende Vernunft, benutzen, wenn sie an ihren Auftrag und ihre Strategie in der Welt denkt. Das ist es, was ich unter Theologie verstehe: fides quarens intellectum, Glaube, der das Verstehen sucht.

 


Es scheint mir, dass mindestens im finnischen Luthertum und besonders in unserem öffentlichen kirchlichen Selbstverständnis,  ziemlich wenig Theologie oder glaubende Vernunft benutzt wird. Dies hat zur Folge, dass eine wirkliche Gefahr besteht, dass die zukünftige Strategie unserer Kirche in eine falsche Richtung gelenkt werden kann. Eine Weise, wie das geschehen kann, ist gerade die, dass wir zu viel Zuversicht auf die natürlichen theologischen Fähigkeiten des Menschen setzen und deshalb nicht mehr die Botschft von dem Erlöser unserer Sünden brauchen. Dann wird die Kirche in einer falschen Weise zu einer Volkskirche, die ihr Wesen als Kirche Christi verleugnet.

 

Was geschiecht, wenn man über theologische Sachen nicht-theologisch denkt?

Das folgende Beispiel stammt aus einem Leitartikel der lutherischen kirchlichen Zeitung "Kirkko ja Kaupunki" (Die Kirche und die Stadt), die in Helsinki jede Woche erscheint und gratis in jeden Haushalt der Gemeindemitglieder getragen wird:

 

"Junge Leute glauben an Gott

Die Ergebnisse der Statistik über Jugend [nuorisobarometri = "Jugendbarometer"], die letzte Woche veröffentlicht wurden, bestätigen dasselbe, was schon viele Forschungen früher getan haben. Die meisten Finnen, auch von den jungen Generationen zwei Drittel, glauben feststehend an Gott. Überzeugte Atheisten gibt es, trotz ihrer starken Stimme, sehr wenig, weniger als ein Zehntel. ...

Die Forschung bestätigt auch, dass man nicht viel an der Wirksamkeit der Kirche teilnimmt. Nur ein Zehntel ist aktiv im kirchlichen Leben. Es ist auch bekannt, dass man sich nicht viel verbindlich macht mit der Lehre der Kirche. Etwa ein Fünftel schluckt den kirchlichen Unterricht ohne ihn zu beißen. Man glaubt eben an Gott, aber die religiöse Gesamtauffassung sammelt man auch anderswo als aus dem Lehren der Kirche.

Die Ergebnisse können in der Kirche mit Zufrieden notiert werden. Wir erstreben eben dass, dass die Leute an Gott glauben würden und mit ihm und mit einander in Frieden zusammenleben würden. Die Kirche hat sich wohl in etwas geklappt, wenn die Vorstellung von ihr eben so positiv ist. In den wichtigsten Momenten des Lebens fühlt man, dass die Kirche notwendig und gut ist.

Trotzdem gibt es in der Kirche auch Anlass für eine tiefe Selbstanalyse und eine Veränderung der Linie. Es muss bekannt werden, dass unsere heutigen Wirksamkeiten, z.B. die wöchentliche Messe, nicht solche sind, dass die meisten Leute sich für sie interessieren würden oder dass sie sie ansprechen würden.


Gleichzeitig kann gefragt werden, ob die in der Kirche beherrschende Vorstellung über die "Idealchristen" richtig ist. Man will, dass die Leute "an der Wirksamkeit der Kirche teilnehmen" und glauben "wie die Kirche lehrt". Deshalb fühlen die Menschen, dass die Schwelle der Kirche zu hoch für sie ist. Man denkt, dass nur die aktiven und rechtgläubigen Menschen taugen rein. Es wäre besser, wenn man denken könnte, dass alle für die Kirche taugen, nicht nur die Aktiven und die, die sich die rechte Lehre angeeignet haben. Die Kirche und die Vorstellung von ihr soll so gebogen werden, dass sie für alle Stoff und Möglichkeit zur Erörterung der Religion und der Lebensauffassung bietet, für Ruhe und die persönliche Begegnung Gottes. Danach dürsten die Leute heutzutage." (Seppo Simola, K&K, 11.10.2006)

 

Hat die finnische lutherische Kirche wirklich Anlass zur Zufriedenheit, wenn zwei Drittel der finnischen Jugend an Gott / an irgendeine Gottheit [5]  glauben, aber nur ein Zehntel den Gotttesdienst besucht und nur ein Fünftel gemäß dem apostolischen Evangelium der Kirche glaubt? Kann man sagen, dass die oben Genannte Statistik zeigt, dass die finnische Jugend "feststehend an Gott glaubt"? - Wenn ja, bedeutet dieses, dass man den Auftrag der Kirche viel zu stark von der natürlichen Gotteserkenntnis her versteht. Eine solche Kirche hat keinen Platz für das Evangelium als Wort der Wahrheit übrig, keinen Platz für Mitarbeiter, wie Paulus und Epafras.

 

Simola hat darin Recht, dass die allgemeine Vorstellung der Kirche so "gebogen" werden sollte, dass in ihr alle willkommen sind. Aber das muss so "klug wie die Schlange" getan werden und "ohne Falsch wie die Tauben". Ich befürchte, dass mindestens im finnischen Luthertum das Niedriger-Machen der Schwelle der Kirche oft nicht mit einer solchen Klugheit getan wird.

 

 

 

 


Die Kirche des Dialogs?

Ein Beispiel davon ist die neue Kommunikationsstrategie für die Jahre 2004-2010 der finnischen lutherischen Kirche. Sie heisst "Die Kirche des Dialogs". Sie spricht z.B. auf diese Weise über die Mitglieder unser Kirche:

 

"Jeder hat Befugnis, gehört zu werden und die Befugnis seine Gedanken und Glaubenserfahrungen zu äußern - auch ohne theologische Ausbildung und die Beherrschung der Begriffe. Dieses ‘Jedermannsrecht' des Mitgliedes der lutherischen Kirche gründet im allgemeinen Priestertum, das man in der Taufe bekommt." (S. 18).[6]

 

Im Lichte der Tauftheologie klingt diese Behauptung merkwürdig. Der Taufliturgie zufolge sprechen die Anwesenden zusammen das Apostolische Glaubensbekenntnis. Danach sagt der Täufer: "Zu diesem Glauben und zum Besitz von allen Verheißungen die in ihm enthalten sind, taufen wir dieses Kind im Namen des Dreieinigen Gottes." Also das "Jedermannsrecht", das der Getaufte bekommt, ist das Zutrauen auf  die Verheißungen, die im apostolischen Glauben enthalten sind. Nicht aber, dass jedermann das Recht haben würde, seine eigenen religiösen Gedanken in der Kirche zu Gehör zu bringen.

 

Ich könnte viele andere Beispiele aus der heutigen Diskussion über den Auftrag und  die Strategie der lutherischen Kirche in Finnland geben, die meines Erachtens zu viel Zutrauen auf die allgemeinmenschliche Religiosität setzen. Deshalb wissen diese Auffassungen zu wenig von dem Gehalt und der Kraft des Evangeliums; auch zu wenig von der Wiklichkeit der Sünde. Dadurch ensteht eine wirkliche Gefahr, dass die Kirche in einer falschen Weise zu einer Kirche des Dialogs wird. Sie versteht ihr Wesen als ein Forum, wo Leute über ihre Lebensauffassungen und religiösen Erfahrungen mit einander reden.

 


Die Kirche, die eine solche Strategie und eine solche Auffassung von ihrem Auftrag gewählt hat, kann natürlich eine ernste Bestrebung haben, zum gelingenden Zusammenleben aller Menschen beizutragen: Wenn verschiedenartige Menschen mit verschiedenen religiösen Auffassungen mit einander reden, können sie einander besser vestehen. Dadurch wächst der Frieden in der Gesellschaft und vielleicht auch auf der globalen Ebene.

 

Die Kirche und der "Haushalt der Gnade" (oikonomia tou theou)

Aber eine solche Kirche ist nicht mehr die Kirche Christi. Die Kirche Christi glaubt, dass Gott eine bestimmte Weise für den "Haushalt der Gnade" (oikonomia tou theou; Kol 1:25, Ef 3:9 oikonomia tou musteriou) gewählt hat:

 

"Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm [Sohn Gottes] alle Fülle wohnen sollte und er durch ihn alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz. Auch euch, die ihr einst fremd und feindlich gesinnt wart in bösen Werken, hat er nun versöhnt durch den Tod seines sterblichen Leibes, damit er euch heilig und untadelig und makellos vor sein Angesicht stelle; wenn ihr nur bleibt im Glauben, gegründet und fest, und nicht weicht von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt und das gepredigt ist in allen Geschöpfen unter dem Himmel" (Kol 1:19-23).

 

Gott hat also seine Hoffnung für die Besserung des Menschengeschlechts gar nicht auf die allgemeine Gottebenbildlichkeit der Menschen gesetzt. Er hat seine Hoffnung völlig auf einen Menschen, Jesus von Nazareth, und auf seine Gottebenbildlichkeit als Sohn Gottes gesetzt. Die Kirche muss Gott in dieser Auffassung folgen. Sie muss ihren Auftrag, zum gelingenden Zusammenleben aller Menschen beizutragen, nicht darin begründen, dass die Gottebenbildlichkeit allen Menschen zukommt. Nur in Jesus Christus ist die Gottebenbildlichkeit so stark, dass man darauf bauen kann.  Und auch in ihm in einer sehr partikularen Weise: Jesus ist für andere Menschen gestorben und auferstanden. Diese geistliche Wohltat wird in anderen Menschen durch die Taufe und den Glauben an ihn wirksam.

 

Das oben Gesagte bedeutet natürlich nicht, dass die Kirche nicht offen sein sollte für Diskussion, Zweifel und Leute, die die Wahrheit suchen, die nicht aktive Kirchenbesucher sind oder die nicht rechtgläubig sind. Eine echte Kirche Christi ist auch für sie offen. Aber nicht deshalb, weil sie schon in ihrer eigenen allgemeinmenschlichen "Spiritualität" oder Gottebenbildlichkeit die Gottesbeziehung haben. Sondern deshalb, weil die Kirche denkt wie die Apostel, klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben:

 

"Den verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, damit wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen. Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in der Kraft dessen, der in mir kräftig wirkt" (Kol 1:28-29). 

 

Ohne den "Haushalt der Gnade" haben wir der Welt nur ethische Forderung zu bieten

Ohne eine solche echt theologische Begründung des Auftrags der Kirche wird unser Beitrag zum gelingenden Zusammenleben aller Menschen zu einer bloßen ethischen Forderung. Wir Lutheraner sollten aufgrund unserer theologischen Tradition mehr als alle andere Kirchen wissen, dass man der Welt mit bloßer Ethik nicht helfen kann. Daraus entsteht nur theologischer Hochmut und Eigengerechtigkeit oder dann Bezweiflung und Bedeutungslosigkeit. Oder wie unser Herr gesagt hat:

 

"Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. ... Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen."

[1] Tirri 2006, 303 (Artikkelikokoelmassa Urbaani usko) "Tässä artikkelissa spiritualiteetti on nähty kansainvälisen uskonnonpedagogisen näkökulman tavoin yleisinhimillisenä ominaisuutena, jota esiintyy kaikilla ihmisillä uskonnollisista ja kulttuurisista taustoista riippumatta. Kasvatuksellisessa ja psykologisessa viitekehyksessä spiritualiteettia voidaan lähestyä myös yhtenä lahjakkuuden lajina, jolle on ominaista arvojen ja merkitysten arvioimiskyky. Spiritualiteettia voidaan myös tutkia inhimillisenä herkkyytenä, jolloin luovuus ja epälineaarinen ajattelu korostuvat. Kasvatuksellisesti spiritualiteetin huomioiminen johtaa kokonaisvaltaiseen ihmisen kasvattamiseen, jossa oman ihmisyyden löytäminen ja toteuttaminen ovat keskeisiä haasteita."

[2] Harvola 2006, 147 (Urbaani usko). "Maalauskurssien tärkein anti on mahdollisuus rentoutumiseen ja rauhoittumiseen. Kursseilla on mahdollista kokea myös hengellisyyttä maalaamisen kautta. Hengellisyys nousee osallistujasta itsestään, ja sen on vahvasti tunnepohjaista. Tämä tuo seurakunnan toimintaan myös ihmisiä, jotka ovat vieraantuneet kirkosta ja kenties luoneet oman yksilöllisen maailmankuvansa. Maalauskurssi voi olla tapa toteuttaa hengellisyyttä yleisinhimillisenä tarpeena. Nuoria aikuisia näyttää kiinnostavan hengellisyys ja hiljentyminen enemmän kuin valmiina pakettina tarjottava kristillinen opetus. ... Maalauskurssit auttavat ihmistä rentoutumaan, kohtaamaan haasteita ja pohtimaan itselleen tärkeitä asioita. Tällä tavalla Kallion seurakunnan maalauskurssit toteuttavat kansankirkollista tavoitetta edistää ihmisen kokonaisvaltaista hyvinvointia."

[3] Wathén 2006, 189 (Urbaani usko) "Hengellisyys ei ole kadonnut nuorten aikuisten keskuudesta. Vaikka se on suuntautunut vähitellen kirkosta poispäin, kirkolla on vielä mahdollisuus olla osallisena sen hoitamisessa ja kasvamisessa."

[4] Siehe Gemeine Erklärung zu Rechtvertigungslehre.

[5]  Der genannten Statistik zufolge antworteten 23 % von den Jugendlichen "Ich glaube an gott der christlichen Glaube, wie meine Kirche lehrt. 10 % antworteten: "Ich glaube an gott der christlichen Glaube, aber in einer ziemlich anderen Weise als was meine Kirche lehrt." 32 % antworteteten, dass sie glaubten an "gott/höhere Kraft". 

[6] http://www.evl.fi/avain/Vuoropuhelunkirkko.pdf