Reformatorische Theologie - Chance für unsere Kirche

Annaberg-Buchholz, 3.5.2014

Sammeli Juntunen, Savonlinna, Finnland

 

Über meinen Hintergrund

Bevor ich fange an mit dem Thema, das mir gegeben ist, möchte ich ein Par Wörter über meinen Hintergrund sagen. 

Mein Name ist Sammeli Juntunen. Ich bin ein lutherischer Pastor aus Finnland. Früher habe ich als Lehrer und Dozent in Universität Helsinki gearbeitet und war auch ein Mitglied des sogenannten „neuen finnischen Luther -Forschungs“ -Gruppe, geleitet von Professor Tuomo Mannermaa. Vor sieben Jahre habe ich die Universität verlassen und fang an als Oberpfarrer in einer ziemlich grossen lutherischen Gemeinde in Savonlinna (in östlichen Finnland) zu arbeiten.

Unsere Gemeinde hat ca. 31 000 Mitglieder. Noch über 75 % von Finnen gehören zu der lutherischen Kirche. Sie ist keine Staatskirche aber hat viele Verbindungen mit dem Staat. Ein von dem ist das Kirchensteuer, das für die orthodoxen und lutherischen Gemeinden zusammen mit dem staatlichen Steuer versammelt wird.

Deshalb haben wir wunderbare Ressourcen in unserer Gemeinde: 16 Pastoren, 7 Diakonen, 7 Jugendarbeiter, 5 Kirchenmusiker, usw., insgesamt 115 Mitarbeiter. Wir haben 7 schöne Kirchen, 7 Gemeindehausen, 8 Friedhöfen, gute Räumlichkeiten für Kindergarten. Wir kooperieren mit Schulen, der Stadt und dem Krankenhaus.

Auf der anderen Seite, Finnland ist eine sehr säkulare  Gesellschaft. Nur wenige Leute nehmen Teil in Gottesdiensten (1 % in der Stadt,  mehr in Dörfer; etwa 6 %  von der Gesamtbevölkerung nehmen Teil einmal im Monat). Viele Mitglieder der Kirche haben Kontakte mit der Gemeinde nur in Beerdigungen, Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten.

Die schwierigste Gruppe sind die jungen Erwachsenen. Etwa 90 % von den finnischen Jugendlichen nehmen in dem Konfirmandenunterricht teil, normalerweise in einem Lager im Sommer. Viele sind aktiv in der Gemeinde bis etwa 18 jährige. Danach ändert sich alles. Sie verlassen oft die Kirche und auch den christlichen Glauben. Nach einer neuen statistischen Untersuchung nur 15 % von den jungen Erwachsenen (jünger als 30 Jahre) glauben an christlichen Gott.

Unsere Kirche verliert jährlich etwa 1 % von ihren Mitgliedern. Mit ihnen verlieren wir unsere finanziellen Ressourcen. Wir müssen die Kosten reduzieren. Das bedeutet: der Zahl der Mitarbeiter vermindern und Grundstücke verkaufen. Aber dann werden die Leute böse und noch mehrere geben die Kirche ab.

Wahre und falsche Lehre

Mein Thema ist „Reformatorische Theologie – Chance für unsere Kirche“.

Wenn ich diesen Vortrag geschrieben habe, habe ich von mir selbst gefragt: „Was ist das Wichtigste, das unsere lutherische Kirche heute von der reformatorischen Theologie Martin Luthers lernen könnte?“

Die Antwort kam von dem wunderbaren Buch „Suffering Divine Things“ von Professor Reinhard Hütter. Ich habe das obengenannte Buch auf Englisch gelesen, aber das original ist meines Erachtens auf Deutsch geschrieben.

Diese systematisch-theologische Luther-Forschung hat als Motto ein Zitat von einem Sermon Luthers, gegeben im Jahre 1541. Es lautet:

O Herr Gott, wie ein fein Dings ist umb ein Ecclesiam, ubi distinctio est impiae et verae doctrinae. Ea autem est, quae habet veram doctrinam (WA 49:227:9–12).

Also: 

O Herr Gott, wie ein feines Ding eine Kirche ist, in der ein Unterschied zwischen falscher und wahrer Lehre gibt. Sie ist, die die wahre Lehre hat.

Das ist unsere Chance, die wir von der reformatorischen Theologie lernen sollen: Wenn eine Kirche in ihr Leben und Lehren die wahre Lehre folgt und die falsche ablehnt, ist sie ein feines, schönes, lebendig-machendes Ding; etwas von dem wir dem Herrn, unser Gott danken sollen.

In diesem Vortrag möchte ich den zitierten Luther -Text im Kontext unserer Finnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche erörtern. Ich hoffe, dass auch sie hier in Annaberg-Buchholz Nutzen ziehen können, auch wenn  ihre Situation sich von dem kirchlichen Leben in Finnland unterscheidet.

Adolf von Harnacks Dogmenkritik

Wie kann ich sagen, dass der Unterschied zwischen die falsche und wahre Lehre so wichtig ist? Heute fast keiner öffentlich von der wahren Lehre spricht, mindestens in unserer finnischen lutherischen Kirche, oder im Lutherischen Weltbund. Auch das Wort „Häresie“ kaum zum Vokabular  des häutigen Luthertums gehört.

Vielleicht diese Scheuheit über die christliche Lehre etwas mit Adolph von Harnacks alte, bekannte Behauptungen zu tun hat. Nach Harnack war die Entwicklung des christlichen Dogmas ein Verfallsprozess, in dem das ursprüngliche Evangelium von Jesus almähnlich hellenisiert und von dem griechischen Metaphysik übergewonnen wurde.  Ein strenges und lebloses System der dogmatischen Behauptungen ersetzte das ursprüngliche, herrliche Vertrauen der Seele vor dem Himmlischen Vater., das Jesus gelernt hatte.

Nach von Harnack Luthers wichtigste Entdeckung war, dass er, mindestens partiell, den originalen, non-dogmatischen Glauben wiedergefunden hatte.

Diese Interpretation ist inkorrekt. Die Forschung hat gezeigt, dass die Dogmengeschichte kein Prozess der Hellenization  der Kirche war. Umgekehrt, die Entwicklung der Dogma hat die Kirche von dem Gefahr errettet, ein Diskussionsclub über antiken Philosophie der Religion zu werden. Luther-Forscher haben gezeigt, dass Luther von ganzem Herzen das Dogma der alten Kirche geglaubt hat.

Alles das ist wohl bekannt auch in Finnland, zumindest in Gruppen die ausgebildet in systematischen Theologie sind.

Das Versinken der Lehre in der Finnischen Evangelisch-lutherischen Kirche

Trotzdem die Idee, dass der echte Glaube keine kirchliche Lehre braucht, weil sie ein persönliches und innerliches Gesinnung ist, hat während den letzten 15 Jahren mehr und mehr Grund gewonnen in Finnland.  Das geschieht nicht so viel in dem grassroot level, in der Gemeindearbeit. Leute die in die Kirche gehen, glauben noch was das apostolische Glaubensbekenntnis sagt und was sie von dem Gesangbuch singen. Und auch nicht auf der Ebene der ökumenischen Verbindungen: da ist unsere Kirche noch sehr systematisch-theologisch. Aber auf dem Niveau der ganzen finnischen lutherischen Kirche, wie ihr Selbstverständnis in den Medien repräsentiert wird und was die „normale“, nicht so kirchgehende Leute über sie denkt, ein dogmatisches Relativismus verbreitet sich mehr und mehr.

Immer und immer wieder müssen wir von kirchlichen Medien lesen, dass die Idee einer wahren Lehre etwas Verderbliches ist. Die ganze Idee, dass die Kirche eine spezifische Botschaft hat, die sie zu den Menschen lehren und verkündigen soll, ist verdächtig geworden, nämlich auf dem Niveau des öffentlichen Selbstverständnisses der Kirche. Sie ist ersetzt  mit vier Konzepte: 1) Spiritualität, 2) Gespräch, 3) Erfahrung des Heiligens und 4) sozialethische Arbeit.

Ich versuche das mit einigen Zitaten zu zeigen. Das erste ist von einer massiven Werbungskampagne der lutherischen Gemeinden in Helsinki, begonnen in 2007:

Am besten gibt der christliche Glaube dir folgendes: ein Gespräch, in dem jede Ansicht gleich wertvoll ist. - - Wenn Leute, die das Leben, sein Sinn und seine Würde nachdenken, zusammen kommen um ein Gespräch zu führen, ist eine Gemeinde entstanden. - - Eine Gemeinde hat das Recht zu entscheiden, in welcherlei Kirche sie ihr Gespräch weiterführen will. Und wo diese Leute zusammen kommen, da ist die Kraft anwesend, die Gott heisst.

Nach der reformatorischen Theologie ist es das Wort Gottes, das die Gemeinde schöpft. Ein Gespräch ist notwendig, um das Wort Gottes zu verstehen, aber sicherlich nicht ein solches Gespräch, wo jede Ansicht gleich wertvoll ist.  

Das zweite Zitat stammt aus einer Artikelsammlung "Der urbane Glaube", die von dem Forschungs-Zentrum der finnischen lutherischen Kirche im Jahre 2006 publiziert wurde. Das Thema des Buches ist, wie die lutherische Gemeinde im Stadtteil Kallio in Helsinki versucht hat, mit jungen Erwachsenen zu arbeiten. Ein von den Weisen sind die Malerei-Kurse.

"Das Wichtigste, was die Malerei -Kurse geben, ist die Möglichkeit zur Entspannung und Ruhe. Es ist auch möglich, Geistlichkeit durch das Malen zu erfahren. Die Geistlichkeit kommt aus den Teilnehmern selbst und sie ist stark emotionell. Das bringt zu Veranstaltungen der Gemeinde auch Menschen, die von der Kirche entfremdet sind und vielleicht ihr eigenes persönliches Weltbild geschaffen haben. Ein Malerei -Kurs kann eine Weise sein, Geistlichkeit als ein allgemeinmenschliches Bedürfnis zu verwirklichen. Die jungen Erwachsenen scheinen sich mehr für Geistlichkeit und Ruhigwerden zu interessieren, als für einen christlichen, in einer fertigen Packung gegebenen Unterricht. - -  Die Malerei -Kurse helfen den Leuten sich zu entspannen, Herausforderungen zu treffen und Dinge zu erörtern, die wichtig für sie sind. In dieser Weise verwirklichen die Malerei -Kurse das volkskirchliche Ziel, das ganzheitliche Wohlfühlen der Menschen zu fördern."

Ich habe nichts gegen Malerei -Kurse in einer christlichen Gemeinde. Vielleicht versuchen wir etwas Ähnliches auch in Savonlinna. Ich habe den Text zitiert, weil er zeigt wie der Inhalt der Botschaft der Kirche mit einer „Geistlichkeit als ein allgemeinmenschliches Bedürfnis“ ersetzt werden kann. Diese Geistlichkeit kommt aus den Teilnehmern selbst, ohne irgendwelche christliche Botschaft. Die Volkskirche ist da, um diese allgemeinmenschliche Geistlichkeit zu dienen.

Aber sind diese natürlichen Gefühle solche, dass der christliche Glaube auf sie begründet werden können, ohne die Botschaft der Kirche? Kaum, nach der reformatorischen Theologie.

Das dritte Zitat war auf einem Webseite der finnischen lutherischen Kirchenregierung. Es war ein Teil eines umfangreichen Projektes „Das Heilige“, das drei Jahre dauerte (2008 –2011). Ein von den Absichten war es, die christliche Sprache zu erneuern und verständlich in der Öffentlichkeit zu machen.

Das Heilige ist auf unserer Haut, aber es ist unverständlich. Es ist nahe bei uns und berührt uns, aber trotzdem kann es nicht begriffen werden.

Ich denke dass das Projekt nicht geklappt hat. Die Ursache ist, dass der Begriff des Heiligen oder „die Erfahrung des Heiligen“ viel zu schwach ist, um über die Radikalität dessen zu reden, wie Gott entschieden hat, uns zu retten, wenn er sein Sohn in einem partikulären Menschen, Jesus von Nazareth, zu unserer Sünde und Elend geschickt hat. „Das Heilige“ ist so diffus, dass es fast alles bedeuten kann. Nach den Webseiten ist es anwesend im Baby Jesus. Und es ist anwesend in der Schönheit der Natur. Aber auch, nach den Webseiten, kann ein Atheist eine „Erfahrung des Heiligen“ haben. Sie kann z.B. „eine umwerfend gute Schokolade Cookie“ sein!

„Das Heilige“ könnte als ein möglicher Ausgangspunkt dienen, wenn die Kirche den Inhalt der christlichen Botschaft in der Öffentlichkeit verständlich macht. Das klappt aber nur, wenn das Projekt für die Erneuerung der kirchlichen Sprache viel über die Beziehung der natürlichen Theologie und des christlichen Glaubens in Christus weisst. Der Projekt „Das Heilige“ behandelte solche, für die reformatorische Theologie wichtige Themen gar nicht. Es scheint mir, dass man für das  Projekt einfach ein Konzept gewählt hat, das ein bisschen „kirchlich“ lautet, aber trotzdem so undeutlich ist, dass jeder es mit einem beliebigen Inhalt erfüllen kann.

Das vierte Zitat ist das Motto für die Werbungskampagne für die Gemeindewahl, die im Herbst 2014 überall in den lutherischen Gemeinden in Finnland gehalten wird. Die Kirchenregierung hat es  von mehreren Mottos gewählt, die verschiedene Werbungsbüros vorgeschlagen hatten. Das Motto des Siegers ist:

„Der Glaube in das Gut-Tun“.

oder: „Glaub [Imperativ] in das Gut-Tun.  

Das Motto klingelt ziemlich gut. Aber, wenn man theologisch denkt, ist es völlig unverständlich, dass eine lutherische Kirche so eine Werbung benutzt. Der Glaube in das Gut-Tun! Die lutherische Kirche ist dadurch entstanden, dass Luther und die andere Reformatoren den Römisch-katholischen Vertrauen an das Gut-tun (oder guten Werken) kritisierten. Ihre Botschaft war, dass man den Glauben allein in Christus und sein Werk setzen soll, nicht – auch nicht ein bisschen – in das Gut-Tun des Menschen. Guten Werken entstehen aus der Liebe, die von dem Glauben kommt, aber sie dürfen niemals als Gegenstand der Glaube werden. 

Die Werbung „Der Glaube in das Gut-Tun“  ist dadurch verständlich, dass die Finnen die diakonische Arbeit und andere sozial-ethische Bestrebungen der Kirche noch schätzen. Deshalb lohnt es sich vielleicht, dass die Kirche ihr öffentliches Selbstverständnis auf dem „Gut-Tun“ gründet. Vielleicht stimmen die Finnen in der Gemeindewahl, bleiben als Mitglieder der Kirche und zahlen die Kirchensteuern.

Es ist mir eingefallen ein Luther-zitat aus dem Latein-Lehrbuch, das ich während des ersten Jahres in der theologischen Fakultät in Helsinki studierte, im Jahr 1983: 

 Verum thesaurum ecclesiae est sacrosanctum evangelium gloriae et gratiae Die.

Also

Der wahre Schatz der Kirche ist das aller heiligste Evangelium der Ehre und der Gnade Gottes.

Dieser Stück reformatorischer Theologie (von den 95 Thesen) bedeutet in unserer Situation,

dass das Motto „Glaube in das Gut-Tun“ völlig falsch ist. Wenn die Kirche in ihr Gut-Tun glaubt, raubt sie von Gott seine Ehre als der einzige Heiland. Und dadurch verliert sie auch Gottes Gnade, die er uns durch den Glauben in Jesus gibt. Die Kirche muss ihr Selbstverständnis auf dem Glauben in Christus setzen. Das ist wichtiger als das Ansehen oder die Kirchensteuer, die sie von dem Volk bekommt.

 

Der christliche Glaube vermindert sich in Finnland

Ich weiss nicht, ob es ein Effekt dieser Erosion der  christlichen Lehre in dem öffentlichen Selbstverständnis der Kirche ist oder was, aber in jedem Fall ist es so, dass der christliche Glaube der Finnen sehr schnell schwacher und schwacher wird.

 Das Forschungs-Zentrum der finnischen lutherischen Kirche macht statistische Untersuchungen über die religiösen Ansichten der Finnen. Im Jahre 2012 hat es eine weitgehende Untersuchung publiziert. Sie zeigt, dass während vier Jahren (2007 -2011) der Anzahl der Finnen, die in den zentralen Wahrheiten der christlichen Lehre Glauben, drastisch niedergegangen ist. Z.B. in 2007 57 % der Finnen haben geantwortet, dass sie wahr oder höchst wahrscheinlich halten, dass Jesus vom Tod auferstanden ist. Im Jahr 2011 nur 36 % dachten, dass der Satz wahr oder höchst wahrscheinlich ist. Das Selbe ist geschehen mit anderen zentralen christlichen Lehren, z.B. dass „Jesus der Sohn Gottes ist“ oder dass er von einer Jungfrau geboren ist.

Die Publikation des Forschungs-Zentrums heisst „Die herausgeforderte Kirche“. Ich denke, dass es ein guter Titel ist. Unsere Kirche ist herausgefordert, nicht nur weil sie etwa 1% von ihren Mitgliedern jährlich verliert, aber auch weil die Leute, die noch in  der Kirche gehören, nicht mehr die zentrale Botschaft der Kirche glauben. Sie wollen in der Kirche aus anderen Gründe gehören, z.B. die diakonische Arbeit sie tut. Nach der Untersuchung „Die herausgeforderte Kirche“ bekam der folgende Grund, zur Kirche zu gehören, die kleinste Fürsprache von Finnen: „Die Kirche macht meinen Glauben in Gott stärker“. Die grösste Fürsprache bekam der Grund „Die Kirche unterhält Friedhöfe.“

Ich habe es verwundert, dass unsere Bischöfe ihre Kleider nicht zerrissen und ein Krisen-Meeting aufgerufen haben auf Grund der Untersuchung. Einige haben ihre Sorge angekündigt, z.B. unsere Bischof Seppo Häkkinen der Mikkeli -Diözese. Aber einige haben statt dem das Methode der Untersuchung kritisiert: sie konzentriert sich zu viel zu dogmatischen Behauptungen und zu dem, wie oft Leute an den kirchlichen Veranstaltungen teilnehmen. Ein der Bischöfe hat gesagt, dass wir nicht zu besorgt sein sollten: die Untersuchung zeigt, dass die diakonische Arbeit wichtig für die Finnen ist. Ihm zufolge bedeutet das, dass unser Folk noch ganz lutherisch ist: nach Luther war es nämlich theologisch wichtig, den Armen zu helfen.

Aber diese sind falsche Tröstungen. Wenn eine Person ehrlich „Nein“ antwortet zu einer ehrlichen Frage „Glaubst du, dass Jesus auferstanden von dem Tod ist?“, man soll ihn oder sie nicht zu einem Christen oder zu einer Christinnen machen, auch nicht zu einem Lutheraner. Auch nicht wenn er oder sie glaubt, dass es wichtig ist, den Armen zu helfen. Auch viele Atheisten denken nämlich so.

Und: wenn ein Person sagt, dass er oder sie nicht glaubt, dass Jesus auferstanden ist vom Tod, dann hat er oder sie nicht nur den Glauben in einer dogmatischen Lehre verliert. Er/sie hat auch den Glauben in Christus verloren.        

Die Geschichte von Jesus der Christus als Inhalt des Evangeliums

Die Chance unserer Kirche ist in dem Inhalt des Evangeliums. Das war die Ursache des Erfolgs der Theologie Luthers in ihrer Zeit.

Die wahre Lehre war nicht deshalb wichtig für Luther, dass er Gott theoretisch mit einem Lehrsatzt befassen wollte. Seine Idee war nicht, über ein dogmatisches System zu reden. Er wollte eine Person, Jesus der Christus, den Heiland, präsentieren.

In seiner Auslegung deutsch des Vaterunsers für die einfeltigen Laien (1519) schreibt Luther, dass Christus das Brot unserer Selen ist.

Das broet, das wort und die speysz ist niemandt, dan Ihesus Christus unser herr selbst

. . . Alle prediget und lere, die unns nit bringen und fuer bilden Ihesum Christum, die seyn nith das tegliche broet unnd narung unnser selen. Sye mugen auch nit helffen yn eyniger notdurfft oder anfechtung. . . .

Das broet Ihesum Christum magt nyemant haben von ym selbst wyder durch studiren, nach horen, noch fragen, noch suchen. Dan Christum zu erkennen, seind all bucher zu wenig, alle lerer zu geringe, alle vornunfft zu stumpff. Allein der Vater selbst mus yn offenbaren und uns geben, als er sagt Johannis vi. . . .

Nun wirt Christus unser broth unns zweyerley weysz geben.

Zum ersten, eusserlich durch menschen, als durch dye Priester unnd lerer. Unnd das geschicht auch zweyerley weysz, Eyn mall durch wortte, Szum andern ym Sacrament vom altar. Da were vill von zu sagen. Kurzlich, es ist eyne grosse gnade, wo goth gibt, das man Christum prediget und leret, Wye wol es solt an allen orthenn seyn, nit anders dan Christi prediget und nur dis tegliche broeth auszteylenn. In dem Sacrament empheht man Christum, aber das were gar umb sunst, wan man nith da neben yn tzu teylet und anrichtet mit dem wort. Dan das worth bringt Christum yns volck und macht yn bekant yn yrem herzen, das sie aus dem Sacrament nymmer meher vorstunden. . . .

Dan was hilffts, das er da ist und uns ein broeth bereyt ist, und doch uns nit gegeben wirt unnd wyr seyn nith nyssen konnen? Das gehet gleych tzu, als wan ein kostlich mal bereyt were, unnd were nyemand, der das broeth tzu teylet, die speyse brechte ader trincken einschenkt, so mugen sie von dem geruch ader gesicht sath werden. Darum sollt man von Christo allein predigen, alle ding tzu ym tzyhen und yn allen schriften yn antzeygen, wa zu er kommen sey, was er uns bracht hat, wye wir in yn glauben und gegen ym halten sollen, auff das das volck Christum alszo durch das wort fassen und erkennen mocht unnd nith so ledig von der messzen kemen, das sye wyder Christum noch sich selbst erkennen (WA 2, 112:7-34).

So eine Erkenntnis von Christus kommt nicht durch eine formale, theoretische Lehre. Sie

kommt durch das Evangelium, dass eine Geschichte, eine Erzählung ist. Mit häutigen Wörtern könnte man „Narrativ“ sagen.

In seinem Schrift Eyn kleyn unterrich, was man yn den Eauangelijs suchen und gewartten soll

von 1522 definiert Luther das Evangelium in folgender Weise:

Euangelium ist und soll nit anders seyn denn eyn rede oder historia von Christo, gleych wie unter den menschen geschicht, das man eyn buch schreybt von eynem künige odder fursten, was er than und geredt unnd erliten hatt yn seynen tagen, wichs man auch mancherley weyss mag beschreybenn, eyner ynn die lenge, der ander ynn der kurtze. Alsso soll und ist das Euangeli nit anders denn eyn Chronica, historia, legenda, von Christo, wer der sey, was er than, geredt und erlitten habe, wilchs eyner kurzt, der ander lang, eyner sonst der ander so beschrieben hatt. Denn auffskurzlichst ist das Euangelium eyn rede von Christo, das er gottis son und mensch sey fur uns worden, gestrorben unnd aufferstanden, eyn herr ubir alle ding gesetzt. Szo viel nympt S. Paulus fur sich ynn seynen Epistelln undstreych das auss, lest anstehen alle die wunder und wandel, die ynn den vier Euangelijs geschrieben sind, und begreyfft doch gnugsam und reychlich das gantz vol Euangeli, . . .

Da sihestu, das das Euangelium eyn historia ist von Christo, Gottis und Davids szon, gestorben und aufferstanden und tzum hernn gesetzt, wilchs da ist summa sumarum des Euangeli. Wie nu nit mehr denn eyn Christus ist, szo ist und mag nit mehr denn eyn Euangelium seyn (WA 10, I, 9:11-10:9).

Das Evangelium hat einen spezifischen Inhalt, Jesus der Christus. Ich erwähne diese

Selbstverständlichkeit, weil – mindestens in Finnland – sie oft vergessen wird. Das Evangelium

kann danach ein formales Behauptung von Billigung werden; etwas was ich „Frauenmagazin

Evangelium“ nenne. In einem finnischen Frauenmagazin hat eine finnische Pastorin schon vor Jahren ein Artikel geschrieben, die etwa so sagte: „Wir Frauen treffen heute viele Anforderungen: wir müssen gute Gattinnen und Mütter sein und zugleich erfolgreich imArbeitsleben sein. In Luthertum heisst das: das Gesetzt. Aber dann gibt es auch das Evangelium. Es sagt: „Du darfst dich verwöhnen.“

Solche Deutungen des Evangeliums betonen, dass das Evangelium keine Forderung, sondern ein

freies Geschenk ist. Luther betont ähnliches in seinem oben zitierten Kurzem Unterricht

Darumb sihestu, Euangelium ist eygentlih nit eyn buch der gesetz und gepott, das von uns foddere unsser thun, sondern eyn buch der gotlichen verheyssungen, darynn er uns vorheysset, anbeut und gibt alle seyne gutter und wolthat yn Christo. . . .

Wenn du nu das Euangeli buch auffthuist, lisest odder horist, wie Christus hie odder dahynn kommet odder yemant tzu yhm bracht wirt, solltu da durch vornehmen die predigt odder das Euangelium, durch wilchs er tzu dyr kommet odder du tzu yhm bracht wirdist. Denn Euangeli predigen ist nichts anders, denn Christum tzu uns komen odder uns tzu yhm bringen. Wenn du aber sihest, wie er wirckt unnd hilfft yderman, tzu dem er kommet unnd die tzu yhm brachtt werden, solltu wissen, das solchs der glaube yn dyr wircke und er deyner seelen eben die selbige hulff und gütte an beutt durchs Euangeli. Heltistu hie still und lessist dyr gutt thun, das ist, szo du es glewbist, das er dy wol thu unnd helfft, szo hastu es gewiss, so ist Christus deyn und dyr tzur gabe geschenckt; darnach ists nott, das du eyn exempel drauss machist und deynem nehisten auch alsso helffist und thuest. (WA 10 I, 13:3-14:8)          

Es ist wohl bekannt, dass nach Luther der Gesetzt fordert und das Evangelium schenkt. Diese formale Dialektik ist wichtig, aber sie ist nicht genug. Wenn man nur diese Dialektik sagt, hat man noch nicht das Evangelium gesagt, mindestens nicht nach Luther. Ihm zufolge erzählt das Evangelium über Jesus der Christus, über seine Identität als Person und über sein Werk für uns. 

Deshalb ist das Evangelium mehr spezifisch und begrenzt als das heutige kirchliche Sprechen über die „Erfahrung des Heiligen“ oder die Definition „das Evangelium ist das, was von Lasten freimacht“. Solche formale Definitionen haben keinen narrativen Inhalt über Jesus. Ich würde sagen, dass sie dogmatische Formen in einer völlig falschen Weise sind. Die echte dogma ersetzt nicht den narrativen Inhalt des Evangeliums. Sie hütet ihn von Verdrehung.

Deshalb braucht die Kirche den Unterschied zwischen der wahren und der falschen Lehre; um von Christus korrekt sprechen zu können.

Die christliche Lehre hat eine funktionelle Würde

Wie gesagt, wahre Lehre war für Luther kein formaler Lehrsatzt, der Gott definieren könnte. Das kann man sehen z.B. von dem, wie er die Trinitätslehre in seinen Sermonen behandelt.

Er sagt, dass die zentrale Begriffe der Trinitätslehre nicht in dem Heiligen Schrift zu finden sind. Deshalb das Wort trinitas (oder Dreifaltigkeit) kein gutes Wort ist. Trotzdem müssen wir nach Luther diese und ähnliche Wörter der dogma benutzen, um Häresien vermeiden zu können. Luther dachte, dass er in demselben Kampf  gegen Irrelehren kämpfte als die Kirchenväter. Deshalb wollte er dieselben Waffen benutzen als sie benutz hatten.[1]

Im christlichen Glauben geht es nicht um eine rationelle Spekulation  der Gottheit. Wenn man das versucht, ist nach Luther ähnlich, als wenn man versucht in Himmel heranzukommen dadurch, dass man den Himmel mit Finger anzeigt. In dem christlichen Glauben geht es um die Anwesenheit Christi im Herzen. Er ist nicht begriffen nur als ein wahrer Satz. Er ist „ontologisch“ anwesend in Verkündigung des Evangeliums. 

Das Wort „ontologisch“ stammt nicht von Luther. Es ist benutzt worden in der „neuen finnischen Luther-Forschung“ um zu sagen, dass nach Luther das Evangelium nicht nur semantische Information über Christus gibt, sondern ihn selbst, wie das folgende Luther -Zitat aus einem Sermon von 1526 sagt.

Das leibliche Essen kommt in durch den Mund, das geistliche geht aus von dem Mund durch die Münder der Apostel und bringt Christus nicht in den Bauch, sondern ins Herz, und von dem bekommt er das Leben und lebt ewiglich. Das könnten sie nicht verstehen, weil sie das Leben der Seele nicht verstanden. . . .

Wir sehen nicht Christus, aber das Wort, das er uns schickt, bringt heimlich Christus ins Herz. Wer immer nämlich hört: „Jesus Christus ist für uns gestorben“, wenn ich dieses höre, sehe ich Christus nicht, aber trotzdem kommt er ins Herz durch das Wort (WA 20, 296:28-297:16; Übers. S.J.).

Auf Grund dieser mystischen Anwesenheit Christi in der Verkündigung des Wortes kann Luther

eben sagen, dass Gott erlassen hat, dass „du dein Heil von den Lippen deines Pfarrers bekommst“.[2] 

Wir können also sagen, dass der Unterschied zwischen der wahren und falschen Lehre nach Luther kein Absolutwert ist. Er ist nötig für eine Funktion: das die Kirche in ihrer Verkündigung nicht irre geht, sondern Christus den Leuten korrekt präsentieren kann.

Dies bedeutet, dass nach der reformatorischen Theologie soll man in der Kirche unnötige theologische Streiten vermeiden. Das ist deutlich zu sehen in der Solida Declaratio, der zweite Teil der Konkordienformel, die zur lutherischen Bekenntnisschriften gehört:

Deshalb haben auch wir zu uns gründlich klar gemacht, dass man einen Unterschied zwischen verschiedenen Streiten machen können muss. Es gibt eben unnützliches und unnötiges Streiten, das mehr zerstört als baut; mit einem solchen darf man die Kirche nicht stören. Aber andererseits gibt es notwendige Streiten, die Lehrstücken, also wichtige Hauptpunkte der christlichen Lehre behandeln. Dann muss man die gegenseitige Lehre widerlegen, um die Wahrheit zu retten (Solida declaratio, s. 463, Tunnustuskirjat; von Finnisch übers. von S.J.).        

Es ist klar, dass innerhalb heutigen lutherischen Kirchen, mindestens in Finnland, so ein grosser theologischer Relativismus besteht, dass es auch solche „notwendige Streiten“ gibt. Es geht nämlich darüber, was die Kirche eigentlich ist. Ist sie ein „Volkskirche“, in dem „jede Ansicht gleich wertvoll ist“ und die ihr Dasein auf  sozialethischen Werk begründet. Oder ist sie die Kirche desDreieinigen Gottes, die ihr Selbstverständnis von ihm und von seinen Heilstaten in Jesus derChristus bekommt? Verkündigt er den „Glauben in das Gut-Tun“ oder in den Glauben in Christus, den Sohn Gottes und Jungfrau Marias, der für die Vergebung der Sünde gestorben hat und auferstanden ist?  

Oder ist sie vielleicht beides zugleich, davon abhängend, an welcher Fraktion der Kirche man denkt?

Nach reformatorischer Theologie geht es nicht so. Die wahre, feine und schöne Kirche gibt es da, wo ein unterschied zwischen den wahren und falschen Lehre gibt. 

Was sind die wichtigsten kirchlichen Lehren heute?

Wie bekannt, die Rechtfertigungslehre war der wichtigste Streitpunkt im Anfang der Reformation.

Luther reagierte gegen die theologische Lehre, dass trotz der Erbsünde im Mensch so viel freie Wille geblieben ist, dass er / sie dafür wirken kann, dass Gott ihm / ihr seine Gnade gibt. Dieentscheidende Linie zwischen der wahren und falschen Lehre ging in einer Hinsicht da, ob man lehrt, dass der Mensch gerechtfertigt wird allein aus dem Glauben (sola fide, sola gratia, propter Christum), oder ob man lehrt, dass der Mensch dazu auch eine Vorbereitung des Willens und die Liebe braucht, die zusammen mit dem Glauben zur Gerechtigkeit führt.

Meines Erachtens ist die Rechtfertigungslehre nicht mehr so ein zentraler Streitpunkt. In der Gemeinen Erklärung zur Rechtfertigungslehre haben die lutherischen Kirchen und die Römisch-Katholische Kirche eine weitgehende Übereinstimmung über die Grundwahrheiten dieser zentralen Lehre erreicht. Diese Übereinstimmung hat die lutherische Kirche erfolgreich auch in anderen ökumenischen Diskussionen, z.B. mit Methodisten, Orthodoxen und Pfingstler benutzt.

Auch in der grass root level –Arbeit in der Gemeinde ist die Rechtfertigunslehre nicht so ein zentraler Streitpunkt wie in der Zeit der Reformation, mindestens nicht in Finnland. Wenn die Finnen etwas von Luthertum gelernt haben, dass ist das die Gnade wichtig ist, nicht die Guten Werken (ausgenommen einige Leute in einigen Werbungsbüros).

Meines Erachtens heutzutage zentrale dogmatische Streitpunkte sind solche christliche Lehren, von denen es eine weitgehende Zustimmung zwischen der lutherische und der Römisch-Katholische Kirche in der Zeit der Reformation herrschte, und noch im Forum der ökumenischen Diskussionen herrscht. Nämlich die Lehre über die Dreieinigkeit Gottes und über die Person Jesu Christi.

In diesen Lehrstücken finden die lutherischen Bekenntnisschriften keinen Fehler in der Römisch-Katholischen Lehre. Deshalb sprechen sie ganz wenig über sie (ausgenommen die innerlutherischen Streiten über Christologie, die die Konkordienformel weitgehend behandelt).  Deshalb könnte man denken, dass diese Lehren gar nicht wichtig für Luthertum sind.

In der Tat ist die Dreifaltigkeitslehre äusserst wichtig im Leben der Kirche, noch heute. Sie behütet die wahre Identität der Kirche. Wir existieren als Kirche, weil der Dreieinige Gott da ist. Wir glauben in Gott der Vater, der in seiner Liebe die Welt geschaffen hat aus dem Nichts und erhält sie in Existenz. Aber wir glauben auch in seinem eingeborenen Sohn, Jesus Christus. Er hat mit seiner Geburt, seinem Sterben und seiner Auferstehung unsere Sünden versöhnt und ein neues Leben gegeben in Verbindung mit Gott. Dieses Leben realisiert sich in der Kirche, die Gott, der Heilige Geist durch das Evangelium von Jesus und durch die Sakramente schafft.

Weil Gott Dreieinig ist, in sich selbst und in seinen Werken (die Schöpfung, die Erlösung, die Heiligung), brauchen wir als Christen und als Kirche nicht nur durch eine allgemeinmenschliche „Erfahrung des Heiligen“ glauben, die auch ein Atheist haben kann durch ein „umwerfend gutes Schokolade Cookie“. Wir können Gott begegnen in einer ganz neuen Weise, die uns von der Sünde und dem Tot rettet und uns eine neue Verbindung mit einander als Gottes Kinder gibt. 

Es scheint mir, dass grosse Teile unserer Kirche diese grundlegende Bedeutung der Trinitätslehre vergessen hat. 

Auch die christologische dogma über die zwei Naturen Jesu Christi und ihre Vereinigung in seiner Person ist noch gleich wichtig im Leben der Gemeinde, wie er in der Zeit Luthers war. Für Luther war die Begegnung und Vereinigung des Göttlichen und des Menschlichen in Jesus der unverzichtbare Grund dafür, dass wir, endliche Geschaffenen, überhaupt mit dem unendlichen Schöpfer etwas zu tun haben können.

Meines Erachtens gibt es ein echter Gefahr, dass dieser zentrale Ausgangspunkt der reformatorischen Theologie heute zur Vergessenheit errät, auch in kirchlichen Zirkeln. Deshalb ist es in der Öffentlichkeit  problematisch geworden, ob man über Gott überhaupt wahre Sätze reden kann, die ihm selbst und die Wahrheit über ihn zu den Menschen bringen.

Heutzutage, mindestens in Finnland, gibt es immer mehr Leute in den kirchlichen Zirkeln, die lehren, dass menschliche Wörter Gott nicht erreichen können. Sie können höchst die menschliche „Gotteserfahrung“ beschreiben. Diese „Gotteserfahrung“ oder „Erfahrung des Heiligen“ ist jedoch persönlich. Deshalb muss jeder Mensch sein / ihr eigene Auffassung von Gott zusammenstellen. Deshalb soll die moderne Kirche den Menschen keine „dogmatische“ Lehre über Gott lernen. Wörter können sowieso nicht den wahren Gott erreichen, weil er der Schöpfer ist und wir sind Geschaffene.

So ein Ausgangspunkt versursacht natürlich, dass der Unterschied zwischen der wahren und der falschen theologischen Lehre sich entschwindet. Keine Lehre über Gott und die göttlichen Sachen kann prinzipiell nicht wahrer sein als eine andere, weil keine von ihnen Gott erreicht, sondern nur persönliche Erfahrungen von dem Heiligen beschreiben.

Für Luther war es anders. Die menschlichen Wörter können Gott erreichen. Das hängt zum letzten Endes von Christus ab. In ihm ist Gott niedergegangen zum selben Niveau mit uns. Der Schöpfer ist selbst ein Geschöpf geworden. Deshalb können die menschliche, geschaffene Wörter den Schöpfer erreichen. Die Bedingung ist, dass das Rede über Gott sich auf diese Begegnung des Schöpfers und des Geschaffenen in der Inkarnation des Sohnes Gottes begründet. Wegen Jesus und sein Werk kan mann so von dem wahren Gott, unser Schöpfer reden,dass menschliche Wörter und Sätze ihn zu den Höher /innen bringen.   

Und davon folgt natürlich, dass man in der Kirche von Gott auch falsche Lehren lernen kann: Sätze, die schön klingeln,  aber den Menschen keine Verbindung mit den wahren Gott bringen, weil sie nicht damit zu tun haben, wo er erfunden werden will.

Haben wir den Mut, die Chance zu benutzen?

Hier in der Möglichkeit des wahren Redens über Gott liegt meines Erachtens unsere Chance als Kirche: Dass wir den Schöpfer selbst durch unseren Mittler, Jesus von Nazareth begegnen können.

Und dass dieses Niedrig-Kommen Gottes durch das von Menschen geredete Wort Gottes und die Sakramente noch heute realisiert wird. Wie viel mehr das ist, als das deprimierte Versuchen Gunst und Kirchensteuer zu bekommen!

Aber diese Chance zu benutzen, es bedingt Mut. Haben wir ihn? Wagen wir in derÖffentlichkeit zu lehren, dass nach der Evangelisch-Lutherischen Kirch eine selbstgebaute Spiritualität nicht wahr ist und nicht rettet? Das dass das Volk und seine Individuen die Speise der Seele brauchen, die Gott der Menschengeschlecht in seinem Sohn gegeben hat?  

Heutzutage wird es immer schwieriger diesen Mut zu haben. Der postmoderne Mensch kann nicht ertragen, dass man ihm etwas lehrt, zumindest nicht in den Sachen der Spiritualität.

Es ist leicht für die Kirche, sich zu diesem Relativismus anpassen. Aber das bedeutet, dass wir die wichtigste Chance verlieren, die die reformatorische Theologie uns gibt: Die Möglichkeit des wahren Redens über Gott.

Ich schlage vor, dass wir diese Chance nicht verlieren, sondern die  heute unangenehme reformatorischen Wahrheit akzeptieren: in der wahren Kirche gibt es einen Unterschied zwischen der wahren und der falschen Lehre.



[1] WA 27, 187, 11-16.

[2] WA 28, 478.